Motorradfahren mit Herz und Verstand

Bremsen oder was?

Bei dieser Übung handelt es sich um die Aneinanderreihung zweier Notmanöver. Es ist daher ein sehr komplexer Handlungsablauf, bei dem die Trennung der Notmanöver, also das LÖSEN der Bremsen oberste Priorität haben muß.

Handlungsmuster für´s mentale Training:

Blick:

Sehr wichtig – vom Hindernis lösen: „Wo ist die Lücke?“ Also in Ausweichrichtung schauen

Sitz:

Möglichst locker, Ausweichen im Kurvenstil „Drücken“

Bedienung:

Kupplung ziehen – Bremsen – beide Bremsen vollständig LÖSEN – Mit Lenkimpuls ausweichen – auf die ursprüngliche Fahrlinie zurückkehren – Abbremsen oder Ausrollen


Handlungsmuster: Bremsen – WOHIN? – Lösen – Ausweichen .

Dieses Notmanöver funktioniert in der Realität bei innerstädtischem Geschwindigkeitsbereich nicht. Die weit verbreitete Meinung „wenn bremsen nicht mehr reicht, dann weiche ich aus“ stellt sich in der Praxis unter den gegebenen Voraussetzungen als sehr problematisch heraus.
Bei innerstädtischem Tempo bleibt wohl kaum die Zeit, sich während der Vollbremsung noch eine Lücke zu suchen, auch noch die Richtige, die Bremsen rechtzeitig zu lösen und zwar beide vollständig, und anschließend noch mit ordentlichem Lenkimpuls dahin auszuweichen.
Dauert eine Vollbremsung aus 50 km/h doch nur etwa 1,3 – 1,5 Sekunden.
Und Hand aufs Herz: Wer ist in der Lage in dieser kurzen Zeit, wenn das Hindernis immer näher kommt, immer größer wird, immer riesiger und bedrohlicher wirkt die Bremsen zu lösen, vor allem rechtzeitig, vorher ein Schlupfloch gefunden zu haben, seine Verzögerung also aufzugeben, in der Regel starr vor Schreck und dann noch weit genug auszuweichen, wobei man sich mit starrer Körperhaltung beim Ausweichen eher schwertut?
Was, wenn sich der querstehende PKW doch noch vor- oder zurück bewegt? Wenn doch plötzlich Gegenverkehr auftaucht?

Es sind so viele Dinge abzuchecken in weniger als 2 Sekunden! Können wir das leisten?

Welches Notmanöver wann das Richtige ist, ist abhängig von der Art, Größe und der Bewegungsrichtung des Hindernisses, von der Geschwindigkeit, vom Verkehrsumfeld (seitl.Platz, Gegenverkehr, rückwärtiger Verkehr), von Entscheidungs- und Ausführungsproblemen. Es gibt also kein Patentrezept. Ganz grob sei gesagt, wobei dies immer situationsabhängig bleibt:

BREMSEN hat bis ca. Tempo 70 km/h erste Priorität. Erstens neigt man im Schreck sowieso dazu zu bremsen, zweitens baut man immerhin Geschwindigkeit ab.

AUSWEICHEN ab Tempo 70, da der Ausweichweg linear zur Geschwindigkeit wächst, der Bremsweg quadratisch, aber nur, wenn das Gelingen sicher ist – schmales, unbewegliches Hindernis, seitlich Platz. Man sollte nie vergessen, daß beim Ausweichen kaum Geschwindigkeit abgebaut wird, was bedeutet daß man beim Mißlingen mit nahezu unverminderter Geschwindigkeit gegen das Hindernis prallt oder jenes streift.

KOMBINIERTE NOTMANÖVER erfordern viel Zeit (Entscheidungszeit) und sind daher nur bei hohen Geschwindigkeiten zu empfehlen, etwa ab 130 km/h.

Und fahrt bei aller Leidenschaft bitte immer mit dem nötigen Verantwortungsgefühl und gehörigem Respekt!

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