Motorradfahren mit Herz und Verstand

Die Langsamfahrt

Damit ist natürlich das gaaanz langsame Fahren gemeint, also im Schneckentempo, so langsam eben, wie manche Omis und Opis gehen. Es gibt wohl kaum einen Biker, der bei diesem Vorhaben „juhu“ schreit. Beim Sicherheitstraining maulen jedenfalls alle und doch ist jeder froh, ein paar Tipps zu kriegen, die dieses „ungeliebte Kind“ einfacher machen. Schneller fahren ist halt einfacher, gell?
Denn ohne die Kreiselkräfte (stabilisierende Kräfte der drehenden Räder) erfordert die Langsamfahrt in Geschwindigkeitsbereichen von 4-7 km/h mit dem Motorrad fein dosierte Lenk- und Körperbewegungen, die in Verbindung mit der Koordination von Kupplung, Gas und Bremse auch an erfahrene Motorradfahrer hohe Ansprüche stellen.
„Nur wer gut langsam fahren kann, kann auch beherzt schnell fahren“. In dieser Aussage steckt sicher viel Wahres. Zeigt sich doch beim langsam fahren relativ gefahrlos, wie gut Fahrer und Motorrad harmonieren und dies kann wohl auf höhere Geschwindigkeitsbereiche übertragen werden.

Fahrphysik

Man stelle sich ein Motorrad vor, das senkrecht ohne Ständer steht. Physikalisch besteht ein Gleichgewicht, wenn die Wirkungslinie der Erdanziehungskraft, ausgehend vom Fahrzeugschwerpunkt genau senkrecht über der Verbindungslinie der beiden Reifenaustandsflächen steht. Tatsächlich fällt das Motorrad aber relativ schnell auf eine Seite, wenn es nicht gehalten wird. Man spricht daher von einem labilen, d.h. störanfälligen Gleichgewicht. Beim Fahren stellt sich durch die Bewegung des Motorrades ein stabiles Gleichgewicht ein, welches auftretende Störungen ausgleicht.

Die Bewegungsenergie der drehenden Räder, ihr Drehimpuls, widersetzt sich den Störkräften ( dem Umfallen-Wollen) und stabilisiert so das Gleichgewicht des fahrenden Motorrades- Kreiselkraft.
Ein Fahren auf zwei Rädern wird also erst über die rotierenden Räder, insbesondere das lenkbare Vorderrad, möglich. Hinzu kommt noch ein recht raffiniertes Zusammenspiel von Trägheitskraft und Fliehkraft. Darauf gehen wir aber näher unterm Stichwort „Lenken“ ein. Aber auch ein Motorrad muß eine Geschwindigkeit von über 25 km/h fahren, damit die entstehenden Kreiselkräfte und Fliehkräfte für die Stabilisierung desselben groß genug sind. Bei der Übung Langsamfahren ist ein Fahren mit Schrittgeschwindigkeit gemeint, so daß der Fahrer selbst durch Körper- und Lenkeinsatz die Kippneigung des Motorrades ausgleichen muß.
All denjenigen, die für sich auf einem ruhigen Plätzchen trainieren wollen, d.h. ihre Beziehung zum Motorrad verbessern wollen, sei die folgende „Checkliste“ empfohlen:

  • Wo schaut ihr hin?
  • Wie sitzt ihr drauf – wie fühlt ihr Euch?
  • Wie bedient ihr Euer Motorrad?

Blicken, sitzen, bedienen

Blick:

Das Allerwichtigste zuerst – Die Sache mit dem Blick!!
Der ungeübte Motorradfahrer neigt dazu, vor allem in schwierigen Situationen mit seinem Blick im Nahraum zu verharren (also kurz vor dem Vorderrad), wodurch die Umsetzung des günstigen Bewegungsentwurfs negativ beeinträchtigt wird. Die Blickschulung ist relativ schwierig, aber nicht aussichtslos, weil die Bevorzugung des Nahraums in Gefahrsituationen entwicklungsgeschichtlich bedingt ist.

Schaut man auch beim Langsamfahren weit voraus- sogenannter Fernglasblick zu einem markanten Punkt (Baum, Zaun….), sind Arme und Hände ruhiger und machen somit weniger unnötige Gegenlenkmanöver. Der Gleichgewichtssinn ist „geschärft“, der „Popometer“ entspannter und dadurch sensibler für die tatsächliche Bewegungen des Motorrades.
Und: Wenn man weit vorausschaut, nimmt man Schlaglöcher, Steine o.ä. ebenfalls wahr – nur eben früher:
Also: BLICK WEIT VORAUS – „FERNGLASBLICK“

SITZEN:

Wenn man das Gefühl hat, man säße mittendrin im Motorrad, dann ist es genau richtig. Man sollte keine Spannung aufkommen lassen, den Körper hängen lassen (wie einen Kartoffelsack), die Arme angewinkelt haben, die Hände nur locker auf die Lenkerenden auflegen und die Knie an den Tank anlegen. Wichtig ist das bewußte Ausatmen, das bewußte Entspannen immer wieder während der Fahrt, denn nur ein entspannter Popometer spürt sein Motorrad richtig.

Bedienen:

Gefahren wird im 1. Gang mit schleifender Kupplung. Die Kupplung sollte so feinfühlig dosiert werden, daß keine Lastwechsel seitens des Motorrades spürbar werden – also Millimeterarbeit um den Schleifpunkt herum. Wenn überhaupt sollte nur mit minimal Gas, also Anfahrgas gefahren werden.
Wichtig: Finger weg von der Vorderradbremse, diese fördert nur die Kippneigung der Maschine.
Aber: Arbeitet man mit der Fußbremse gegen die Kupplung, bringt das eine grandiose Stabilisierung. Das beste Ergebnis wird erzielt, wenn man die Hinterradbremse leicht einsetzt, so daß eine deutliche Verzögerung , keinesfalls aber ein Blockieren des Hinterrades spürbar wird. Hat man das Gefühl, das Motorrad würde von hinten festgehalten werden, stimmt die Dosierung der Hinterradbremse.

Wenden

Ein Alptraum für viele Motorradfahrer, überhaupt wenn es vor einem vollbesetzten Straßencafe sein muß! Der Vorführeffekt bringt die Sache garantiert zum scheitern, besser gesagt, den Fahrer zu „fußeln“. Wer’s streßfrei üben möchte, sollte nicht gleich mit dem Wenden zwischen tatsächlich vorhandenen Bordsteinen beginnen, da diese den Blick nahezu magisch anziehen – und da wo man hinschaut, fährt man ja bekanntlich hin (sensomotorisches Grundgesetz).


Die Breite der Wendefläche richtet sich grob nach dem Lenkanschlag eures Motorrads, also dessen Wendekreis. Beginnend mit ca. 8 m und anschließender Verkleinerung liegt man sicher im Bereich des möglichen. Natürlich gilt das Motto: je enger, desto besser, man sollte sich aber ruhig langsam an dieses Ziel herantasten, denn nur so bleibt man entsprechend locker.
Wichtig wird nun, die Finger wirklich von der Vorderradbremse weg zu lassen, da bei Betätigung jener sofort ein Kippeffekt zur Kurveninnenseite entsteht. Hat die Maschine erst einmal einen bestimmten Neigungswinkel in richtung Boden, kann sie eher selten noch gehalten werden. Entscheidend für das Gelingen eines engen Wendemanövers ist – und wie könnte es anders sein- die richtige Blickführung.
Hierbei ist eine Trennung von Blickrichtung und momentaner Fahrtrichtung entscheidend, was bedeutet, daß erst die Augen wenden und dann das Motorrad.

- Da wo man hinwill, schaut man hin -!

Das Oval

Am besten trainiert ihr, indem ihr zunächst ein Ovalkurs fahrt. Dann habt ihr nämlich immer wieder kurze Erholungspausen zum bewußten Entspannen während der Geradeausfahrt.
Vor der Wende bewußt den Kopf in die gewünschte Fahrtrichtung drehen und zwar so weit als möglich, denn der Blick führt die Bewegung!
Nicht auf den Boden schauen, das fördert nur die Kippneigung, sondern die Augen auf horizontaler Ebene lassen. Wer sein Körpergewicht vor der Wende nach außen (und somit das Gewicht der Maschine nach innen) verlagert erfährt, dass dieses Drücken der Maschine bei Wendemanövern auf engstem Raum eine wirkungsvolle Hilfe sein kann.


Das Wenden wird, wie die langsame Geradeausfahrt, mit Schleifkupplung und Hinterradbremse gefahren.

* Blick rüber (da wo es hingehen soll)
* Oberkörper raus (auf die Kurvenaußenseite)
* Stabilisieren mit der Hinterradbremse


Das Oval wird natürlich nach beiden Seiten gefahren, so daß man seine „Schokoladenseite“ kennenlernt und genau die umgekehrte Richtung etwas beharrlicher trainieren kann.
Gut geeignet für die Förderung der „Per Du“- Beziehung mit seinem Motorrad sind auch weitere Geschicklichkeitsübungen, wie z.B. der Trailstopp.

Trailstopp

Beim Trail-Stopp geht es um ein kurzzeitiges Anhalten (Stillstand beider Räder und des Motorrads, ohne Radblockade) und anschließendem Wiederlosfahren, bevor die Maschine kippt und das ohne jegliches Fußabsetzen. Die Maschine wird also im 1. Gang angefahren, etwas beschleunigt und dann bis zum Stillstand abgebremst, so lange wie möglich ausbalanciert und anschließend wieder angefahren, bevor sie kippt.
Tip: Unbedingt Fernglasblick!!!

Nur eine Bremse benutzen. Bei der Vorderradbremse kann das Eintauchen der Gabel, bei manchen Fahrern, zur Stabilisierung verhelfen. Die Benutzung der Hinterradbremse allein stabilisiert bekanntlich.

Beim Stillstand Gewichtsverlagerung nach vorn (Oberkörper richtung Lenker).

Beim Sofortstart sitzt der Fahrer auf seinem Motorrad, der Motor läuft, der Leerlauf ist drin. Der rechte Fuß ist auf der Raste, der linke stützt das Motorrad. Dann wird noch mal tief Luft geholt, der linke Fuß hochgenommen, der 1. Gang eingelegt und losgefahren ohne daß nochmals „gefußelt“ werden muß.
Tip: Die Augen, die Augen….

So, daß waren ein paar Übungsvarianten, die ihr relativ gefahrlos irgendwo an einem stillen Örtchen üben könnt. Diese Übungen erfordern nicht viel Platz und machen bei richtiger Fahrweise auch keinen Lärm, so daß normalerweise auch niemand meckert, wenn ihr in irgend einem Industriegebiet oder auf einem abgelegenen Parkplatz mit Eurem Bike zugange seid. Ihr solltet euch jemanden mitnehmen, der euch Rückmeldung geben kann, ob eure Blickführung stimmt, ob ihr noch wie ein „Nasser Sack“ draufsitzt, ob ihr die wichtigsten Hebeleien im Griff habt. Oder umgeworfene Coladosen aufstellt! Alleine macht’s außerdem nicht so viel Spaß!

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